Martin Schröder

"Früher war alles besser" – was einst nur die Oma sagte, kommt einem irgendwann sogar selbst über die Lippen. Aber geht es uns heute wirklich schlechter, als noch vor ein paar Jahren? Nein, sagt Soziologe Martin Schröder und erklärt, woran es liegt, dass wir so pessimistisch sind.

Manchmal haben wir vor Dingen Angst, die ziemlich weit von uns weg sind – zum Beispiel vor Terroranschlägen. Dabei war es im Jahr 2016 für einen Deutschen 300 mal wahrscheinlicher, bei einem Haushaltsunfall zu sterben. So steht es in Martin Schröders Buch "Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden".

Schröder ist Professor an der Uni Marburg. Er wollte wissen, ob früher wirklich alles besser war und kam zu dem Ergebnis, dass das nicht stimmt. Dafür hat er sich weltweit die Entwicklung in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft angeschaut: Gewalt, Demokratie, Hunger, Bildung.

"Das Leben ist messbar besser geworden"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Martin Schröder erklärt, warum wir so oft denken, dass früher alles besser war

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Sein Ergebnis: "Wenn man das Leben 2019 mit dem vor 10, 20 oder 50 Jahren vergleicht, ist das Leben messbar besser geworden", erklärt der Uni-Professor. Natürlich könne man nicht garantieren, dass das in Zukunft so weitergehe, erklärt Schröder im YOU FM Interview.

Aber auch die Sorge, es könnte uns bald schlechter gehen, ist nichts Neues. In den vergangenen 200 Jahren haben die Menschen immer wieder gedacht, jetzt wäre der Moment gekommen, dass es bergab statt bergauf geht. Doch dieser Moment kam nie, so der Soziologe.

Ein Problem unserer Wahrnehmung

Dass wir trotzdem glauben, die Welt werde immer schlechter, liegt laut dem Marburger Professor an drei Fehlern in unserer Wahrnehmung:

  1. Negative Reize machen einen stärkeren Eindruck auf uns als positive. Das hat auch evolutionär gesehen einen Sinn, denn im Zweifel ging es bei einer negativen Botschaft um's Überleben , erklärt Schröder.
  2. Wir neigen dazu, die Vergangenheit systematisch positiver zu betrachten, als wir sie in der Gegenwart erlebt haben. Wenn man zum Beispiel Leute während eines Freizeitparkbesuchs fragt, wie es ihnen gefällt, fällt die Bewertung in der Gegenwart immer schlechter aus, als zwei Wochen später.
  3. Wir alle werden sensibler. "Wir sind heute empflindlicher, weil es insgesamt weniger Leid und Probleme gibt", erklärt Schröder. Je weniger Probleme es gibt, umso empfänglicher werden wir für sie. Dann könne es passieren, dass wir unsere gestiegene Sensibilität mit mehr Problemen verwechseln, so der Soziologe.

Die Rolle der Medien

Wie wir die Welt sehen, hängt auch davon ab, wie in den Medien über sie berichtet wird. "Die Medien spielen eine große Rolle dabei, dass wir die Welt zu negativ sehen", erklärt Schröder. Denn in einer Welt, die immer friedlicher werde, sei jede Ausnahme umso berichtenswerter. Natürlich müssten die Medien über alle verbliebenen Probleme berichten, aber das führe dazu, dass vor allem negative Themen in den Medien stattfinden. So entstehe ein "verzerrter Ausschnitt der Realität".

Versuch ist nicht hoffnungslos

"Be Positive"

Sollten wir jetzt alle Optimisten werden? Schröder will nicht, dass seine Forschungsergebnisse die Menschen dazu verleiten, reale Probleme wie den Klimawandel klein zu reden. Es gebe immer noch Probleme, vor denen wir nicht die Augen verschließen sollten. Trotzdem lautet seine Botschaft: "Der Versuch, eine bessere Welt zu erschaffen, ist in keinster Weise hoffnungslos."

Sendung: YOU FM Worktime, 16.05.2019, 11:00 Uhr

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