Pärchen steht vor einem Zug

Während die Kontaktbeschränkungen hierzulande wieder lockerer werden, gibt es immer noch Leute, die seit mehreren Monaten ihren Partner nicht sehen dürfen – und auch nicht wissen, wann sich daran etwas ändert. Was so eine Situation mit einer Beziehung macht, beschreiben zwei Long-Distance-Paare im YOU FM Interview.

Sayana und Thomas haben sich 2018 in Stuttgart kennengelernt. Beide arbeiten bei der gleichen Autofirma. Er in Deutschland. Sie in Russland. Seitdem führen die beiden eine Fernbeziehung und sind inzwischen sogar verlobt. Sehen können sie sich alle vier bis sechs Wochen, dann immer fünf bis neun Tage. Da sie ein Schengen- und er ein Business-Visum hat, sind auch Spontan-Besuche möglich.

Thomas und Sayana,

So wie es Thomas zuletzt im Februar gemacht hat, als er Sayana vor der Arbeit überraschte. Es war ihr letztes Treffen. Das im März geplante Wiedersehen fiel aus, als in Deutschland der Corona-Lockdown kam. "Als bei uns alles runtergefahren wurde, war in Russland noch nichts. Das kam später. Am Anfang hast du recherchiert und gehofft, vielleicht ändert sich was und plötzlich sind vier Monate um. Jetzt laufen unsere Visa aus und wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen", sagt Thomas.

Damit ist Thomas nicht der einzige. Paare, bei denen ein*e Partner*in aus einem Nicht-EU-Land stammt, können sich seit der Corona-Krise in den meisten EU-Ländern nicht treffen. Genaue Zahlen, wie viele Menschen betroffen sind, gibt es nicht. Aber der Verband binationaler Ehen und Partnerschaften (iaf) schätzt, dass es Tausende sind. Mit dem Hashtag #loveisnottourism machen sie online und in den sozialen Medien auf sich aufmerksam, organisieren sich in Facebook-Gruppen und fordern eine eigene Regelung. Die Petition #LoveIsEssential haben seit dem 10. Juni schon über 20.000 Menschen unterschrieben.

20 Stunden im Auto, um an der Grenze abgewiesen zu werden

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lennart erzählt, wie schwierig die lange Trennung für ihn und seine Freundin Alyona ist

Lennart und seine Freundin
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Zu ihnen gehören auch Alyona und Lennart. Seit eineinhalb Jahren haben die beiden eine Fernbeziehung über 1.700 Kilometer Distanz. 2018 haben sie sich bei einer Sommerakademie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in der Ukraine kennengelernt. Er wohnt in Hamburg, sie im ukrainischen Winnyzja. Eine Woche im Monat sehen sie sich.

Im April dieses Jahres wollten sie eigentlich in die gemeinsame Wohnung nach Hamburg ziehen. Jetzt aber konnten sie sich seit Monaten nicht sehen. Und als sich im Sommer das Leben in Europa verändert, Urlaubsreisen ins nahe Ausland wieder möglich sind, gelten für Alyona als Nicht-EU Bürgerin weiterhin strikte Einreisebeschränkungen.

Trotzdem versuchen die beiden ihr Glück. Lennart fährt mit dem Auto 20 Stunden von Hamburg nach Polen und weiter in die ukrainische Stadt Lwiw, um Alyona abzuholen. An der Grenze werden sie abgewiesen. "Nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung sind wir es gewohnt, uns zu verabschieden. Aber diesmal war ich so wütend. Wir haben entschieden, dass wir zusammen sind. Welche Nachweise muss ich noch bringen, damit sie mir glauben? Wenn man verheiratet ist, ist man ein Paar und wenn man nicht verheiratet ist, dann ist man kein Paar?", sagt Alyona. Ihre Geschichte haben die beiden ZEIT Campus erzählt.

Unfreiwillige Trennung kann Depressionen auslösen

"Eine unfreiwillige Trennung von geliebten Menschen kann immense psychologische und physiologische Schäden nach sich ziehen", liest man auf der Homepage von "Love is essential". Initiiert wurde sie von Abgeordneten des Bundestages und des Europaparlamentes unterschiedlicher Parteien.

Seit Wochen hätten sie Geschichten berührender Schicksale erreicht. Von Elternteilen, die die Geburt ihres Kindes nicht erlebt hätten, keine Umarmung spüren konnten, in Depressionen verfallen seien. Politisch gesehen bleibt die Lage unverheirateter Paare, die durch Corona-Einreisebeschränkungen der EU getrennt sind, ein Streitthema: Eigentlich hatte Innenminister Horst Seehofer (CSU) ein Entgegenkommen signalisiert.

Doch nun ist sein Ressort zurückgerudert. "Ob und wann gegebenenfalls mögliche weitere Aufhebungen von Reisebeschränkungen erfolgen, hängt von der jeweiligen Pandemiesituation ab und ist derzeit nicht prognostizierbar", heißt es in der Antwort des Innenministeriums auf eine schriftliche Anfrage des Linke-Abgeordneten Stefan Liebich zum Thema am 14. Juli, einen Tag nach Seehofers Ankündigung.

Andere Länder erlauben binationalen Paaren schon ein Wiedersehen

Anfang Juli hat Dänemark seine Grenzen für Paare geöffnet, kurz darauf Österreich, Norwegen und die Tschechische Republik. Ab dem 27. Juli dürfen sich Paare auch in den Niederlanden wiedersehen. "Was an uns nagt, ist die Ungewissheit. Wir haben uns von Woche zu Woche gehangelt und jetzt gehen uns die Kräfte aus, was das Warten und Hingehaltenwerden angeht", sagt Thomas.

Er könne nachvollziehen, warum wir über Fußballspiele und Urlaubsmöglichkeiten diskutieren, aber nicht verstehen, warum das Problem der binationalen Paare nicht gelöst wird. "Es gibt Länder, die es vormachen mit Corona-Tests und eidesstattlichen Erklärungen, dass man ein Paar ist. Das alles wäre für uns kein Problem".

Lennart checkt morgens vor dem Aufstehen und abends vor dem Einschlafen die Nachrichten, in der Hoffnung, dass sich etwas an den Einreisebeschränkungen verändert hat. Er versucht, Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen und es gibt ihm ein gutes Gefühl, zu wissen, dass da noch andere Menschen sind – "erstaunlich viele Paare, denen es genauso geht. Wenn ich wüsste, wir sind die einzigen, hätte ich keine Hoffnung", sagt er.

Sendung: YOU FM, die YOU FM Morningshow, 28.07.2020, 07:00 Uhr

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