Szene aus Sex Education

Julia Effertz choreografiert intime Momente vor der Kamera. Im YOU FM Interview erklärt sie, warum das so wichtig ist und was intime Drehs mit Kampfszenen zu tun haben.

An einem Filmset wird nichts dem Zufall überlassen, oder besser gesagt: fast nichts. Denn intime Szenen wurden bislang häufig mehr oder weniger improvisiert. "Da hieß es dann, geht mal einen Kaffee trinken, überlegt euch was und bietet etwas an", berichtet Julia. Sie ist Schauspielerin und hat sich zur Intimitätskoordinatorin weiterbilden lassen. Sie begleitet die Arbeit an intimen Szenen an Filmsets und auf Theaterbühnen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Julia Effertz erklärt ihre Aufgaben am Set

Julia Effertz, Schauspielerin und Intimitätskoordinatorin
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"Man kann eigentlich jeden Schauspieler fragen, die haben alle so eine Geschichte parat, wo sie bei solchen Szenen nicht so recht wussten, was eigentlich passieren würde, wenn die Kamera läuft", erzählt Julia. Durch fehlende Absprachen und Berührungsvereinbarungen könnten dann Grenzüberschreitungen und Belästigungen entstehen.

"Einen Messerkampf würde man auch nie improvisieren"

Die Schauspielerin vergleicht den Dreh einer Sexszene gerne mit Kampfszenen: "Einen Messerkampf würde man auch nie improvisieren." Solche Szenen werden choreografiert, denn sie bergen ein Verletzungsrisiko. "Das hat man bei intimen Szenen lange Zeit nicht als Problem gesehen, ist es aber."

Das steht spätestens seit dem Skandal um den Regisseur Harvey Weinstein und der "#MeToo"- Bewegung. "Man muss auch bedenken: In der Vergangenheit war bei der Planung solcher Szenen eben keine dritte Person anwesend, das heißt, es fand alles im Privaten statt", sagt Julia. Damit es aber professional bleibe, sei es wichtig, dass eine weitere Person anwesend ist.

Drei "Cs" sollen die Arbeit besser machen

Im Idealfall wird der/die Intimitätskoordinator/in schon früh in die Produktion eingebunden, in der Regel schon in der Vorproduktion. "Wenn gedreht wird, sollte die größte Arbeit schon getan sein". Was sie dann genau tut, beschreibt Julia mit 3 Cs:

  1. Communication: Die Intimitätskoordinatorin sorgt mit allen Beteiligten für klare, transparente Kommunikation. Sie informiert sich über die künstlerische Vision des Regisseurs, klärt ab, was erzählt werden soll und spricht mit den Schauspielern ihre Grenzen ab.
  2. Consent (Einwilligung): "Ich sorge dafür, dass die Schauspieler Berührungen vereinbaren und in diese einwilligen können“, erklärt Julia diesen Schritt.
  3. Choreography: Die Bewegungen, die nachher im Dreh umgesetzt werden, werden klar, präzise und in die Tiefe geplant und einstudiert.

Die Reaktionen ihrer Kollegen auf diese Arbeit sind durchweg positiv: "Ich höre viel Erleichterung, weil jeder Schauspieler weiß, wie heikel solche Szenen sein können", berichtet Julia. Auch Regisseure seien oft dankbar, da auch sie die Situation nicht immer als leicht empfinden. "Das Thema an sich ist ja auch schambehaftet", weiß die Intimitätskoordinatorin.

Mehr Wohlbefinden und effizientere Drehs

Neben dem Wohlbefinden der Beschäftigten am Set hat ihre Arbeit noch einen weiteren Vorteil: Der Dreh laufe effizienter und die Schauspieler könnten die Szene auf die gleiche Art und Weise wiederholen. "Das freut die Continuity und die Editoren im Schnittraum", sagt Julia.

Trotz der guten Erfahrungen sind Intimitätskoordinatoren noch lange kein fester Bestandteil von Filmproduktionen. "Wir stehen in Deutschland noch ganz am Anfang", sagt Julia. In den USA hat die Gewerkschaft SAG-AFTRA schon Richtlinien für die Arbeit mit Nacktheit und simulierten Sexszenen veröffentlicht. Auch Kanada und Großbritannien haben bereits reagiert und Richtlinien für die Arbeit mit Nacktheit und intimen Szenen erarbeitet. Nun hofft Julia, dass auch Deutschland bald nachzieht.

Sendung: YOU FM, Der schöne Nachmittag, 18.03.2020, 15:00 Uhr

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