NSU-Prozess: die Angeklagten
Die Angeklagten: Wohlleben (oben li.), Gerlach (unten li.), Zschäpe (Mitte), Schultze (oben re.) und Eminger (unten re.) Bild © picture-alliance/dpa

Zehn Morde, mehrere Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle aus dem rechtsextremen Spektrum. Am 11. Juli ist das Urteil gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte gefallen. Fünf Jahre hat der NSU-Prozess gedauert. Wir geben euch einen Überblick, was in der Zeit alles passiert ist.

NSU-Trio
Das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.li.) Bild © picture-alliance/dpa

437 Prozesstage in einem fensterlosen, in Neonlicht getauchten Saal in München. 15 Anwälte verhandeln für fünf Angeklagte. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe, die nun zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist. Sie hat mit den Serienmördern Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos fast 14 Jahre im Untergrund zusammengelebt, die sich nach einem missglückten Banküberfall das Leben nahmen.

Was ist in den fünf Jahren passiert?

NSU-Prozess Vater von Halit Yozgat
Ismail Yozgat, der Vater des Kasseler Internetcafé-Besitzers Halit Yozgat. Bild © picture-alliance/dpa

Im ersten Jahr geht es vor Gericht um die Morde und Sprengstoffanschläge. Gutachter stellen nach, wie die Opfer versucht haben, sich zu retten. Viele sind berührt von den Geschichten der Angehörigen, die weinend zusammenbrechen.

So auch der Vater des Internetcafé-Besitzers Halit Yozgat: "Er zeigte im Gerichtssaal direkt vor Beate Zschäpe, wie er seinen Sohn, sein Lämmchen, gefunden hat. Er lag da auf dem Boden und zeigte, wie er den Sterbenden in den Armen hielt und flehte darum, dass man ihm sagt: 'Warum?'", berichtet Annette Ramelsberger von der Süddeutschen im YOU FM Interview. Sie war fast die gesamten 437 Verhandlungstage im Gericht.

Im zweiten Jahr des Prozesses geht es um die Schuld und Fehler der Behörden - insbesondere von Verfassungsschutz und Polizei.

NSU-Prozess: Bundesamt für Verfassungsschutz
Die Aufarbeitung ist schwierig, da die Taten bis zu 20 Jahren zurückgehen. Bild © picture-alliance/dpa

Im dritten und vierten Jahr folgen hunderte Beweisaufnahmen. Mehr als 800 Zeugen und Sachverständige werden in den fünf Jahren angehört. Es gibt unzählige Unterbrechungen, Befangenheitsanträge, Verfahrensstreitereien und peinliche Zwischenfälle - die alle Zeit kosten.

Wann sprechen die Angeklagten?

NSU Prozess: Angeklagte
Die Angeklagten: Eminger, Schultze, Gerlach und Wohlleben (v.li.) Bild © picture-alliance/dpa, YOU FM

2013 gestehen die Angeklagten Carsten Schultze. und Holger Gerlach, dass sie die Mordwaffe geliefert und Papiere für den NSU beschafft haben. Ralf Wohlleben will damit nichts zu tun gehabt haben. Bis heute ist er fest in der rechten Szene verankert. Immer wieder sitzen Neonazis im Publikum und machen Stimmung.

André Eminger gilt als engster Vertrauter der NSU-Zelle. In seinem Wohnzimmer fanden Ermittler eine Art Altar für Böhnhard und Mundlos. Bis heute hat André E. nichts gesagt.

NSU: Hauptangeklagte Beate Zschäpe
Beate Zschäpe stellt sich in ihrer Aussage als Opfer dar und gibt Böhnhard und Mundlos die Schuld. Bild © picture-alliance/dpa

2015 spricht Beate Zschäpe das erste Mal: Sie lässt eine mehrstündige Aussage vorlesen. Sie bestreitet darin, etwas gewusst zu haben. Mehrere Gutachter sagen, dass sie keine echte Reue zeige und Stufen sie für schuldfähig und gefährlich ein. Im Sommer 2017 beginnen nach mehr als viere Jahren die Plädoyers.

Was hat der NSU Prozess gebracht?

Der NSU Prozess hat zu Anfang einen Schockzustand gebracht, da niemand so eine Tat aus der rechten Szene für möglich gehalten hätte. Was er aber ans Licht brachte: Bei vielen Sicherheitsbehörden gab es zu wenige Kontrollen und es muss in den Behörden Menschen gegeben haben, die mit der rechten Szene sympathisiert haben.

NSU-Prozess: Gerichtssaal
437 Verhandlungstage gab es im Gericht beim NSU-Prozess. Bild © picture-alliance/dpa

Inzwischen gibt es eine zentrale Datei für alle Länder, in der Neonazis erfasst werden. Außerdem haben sich Untersuchungsausschüsse gebildet, die versuchen, in die Abgründe der rechten Szene der letzten 20 Jahre hineinzublicken. All das hätte es ohne die Erkenntnisse aus dem Prozess nicht gegeben.

Dennoch sind viele Fragen offen wie zum Beispiel: Warum und wie groß ist der NSU wirklich? Warum sind Akten mit NSU-Bezug bis heute gesperrt oder geschreddert? Dass die Rolle der Behörden und dem Verfassungsschutz zu wenig vor Gericht thematisiert wurde, steht im Fokus der Kritik. Deshalb gibt es am 11. Juli auch eine große Demo in mehreren großen Städten unter dem Motto "Kein Schlussstrich", zu der das Aktionsbündnis NSU-Komplex aufgerufen hat.

Der NSU ist noch nicht vorbei

NSU-Prozess: Skinheads
Auch nach einem Urteil ist der NSU noch nicht vorbei, die Gefahr von rechtsextremen Netzwerken wird immer noch unterschätzt. Bild © picture-alliance/dpa

In den fünf Jahren haben unzählige Politiker, Anwälte, Journalisten und Wissenschaftler versucht, diesen Serienmord mit aufzuklären. Sie hoffen, dass nach diesem "Urteil ohne Aufklärung" die Untersuchungen weitergehen. Journalistin Annette Ramelsberger glaubt, dass die rechte Szene gewachsen ist, zusammenhält und mehr Unterstützer hat als früher. "Die Saat des NSU ist aufgegangen. Der Hass hat sich vermehrt und ich würde nicht davon ausgehen, dass so etwas nicht noch einmal passieren kann."

Sendung: YOU FM, Die beste Morningshow der Welt, 11.07.2018, 05:30 Uhr

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