Händchenhalten

Untersuchungen zeigen: Asiatische Männer und schwarze Frauen erhalten auf Dating-Plattformen weniger Anfragen. Woher kommen unsere Präferenzen und ist es rassistisch, einen bestimmten Typ zu haben? Bei YOU FM haben wir uns Gedanken darüber gemacht.

Es ist keine leichte Aufgabe, etwas zu erklären, das für viele unsichtbar ist. Doch wenn Rassismus unser Denken und Handeln beeinflusst, dann sicher auch unser Verhalten beim Dating. Die Erfahrung, wegen der Hautfarbe abgelehnt, besonders gemocht oder zum Klischee erklärt zu werden, machen nicht wenige. Sie werden mit Sprüchen konfrontiert wie "Du bist so hübsch, weil du gemixed bist" oder "Sorry, ich stehe nicht auf schwarze Frauen" oder der Spruch: "Once you go black, you never go back", der Schwarze als besonders gut im Bett labelt.

Nhi Le

"Ich habe oft erlebt, dass sich viele Männer etwas von mir als Asiatin versprechen: eine exotische, sanfte Kindfrau, die im Bett besonders devot und/oder freakig ist", sagt die Medienkulturforscherin und Journalistin Nhi Le. Was sie beschreibt, ist unter dem fragwürdigen Schlagwort "Gelbfieber" bekannt und steht für ein gesteigertes sexuelles Interesse an südostasiatischen Menschen.

Filter in unseren Köpfen und auf Dating-Plattformen

Wenn es um erste Dates geht, ist kaum einer von vielleicht auch oberflächlichen Wünschen befreit. Auf Dating-Portalen haben viele Frauen bei Männern eine Mindestgröße angegeben. Manche Männer stehen nur auf blond. Bei vielen Portalen lassen sich neben Augenfarbe und Haarschnitt Punkte wie Herkunft und Staatsangehörigkeit angeben oder der eigenen Typ mit "europäisch", "südeuropäisch", "arabisch", "indisch", "gemischt" oder "andere" beschreiben. Die Angabe ist freiwillig, aber Nutzer*innen können danach auch filtern.

Laut Recherchen des ZEIT-Campus Autors Hannes Schrader ist eine der ersten und häufigsten Fragen bei Dates: Woher kommst du? In seinem Text schreibt er über unbewusste Stereotypen, die in uns stecken und uns möglicherweise beeinflussen – auch wenn wir uns nach außen etwas anderes wünschten.

Ethnische Herkunft bestimmt den Erfolg auf Dating-Portalen

Thembi vom Vice-Magazin

"Wir denken in Mustern. Aber gerade, wenn diese sogenannten Bias rassistisch sind, haben sie Folgen auf unsere Präferenzen. Wir haben also keinen Dating-Typ, sondern Vorurteile", sagt Journalistin Thembi Wolf vom Vice-Magazin, die sich hintergründig mit dem Thema befasst hat.

Sie zitiert eine der wenigen Langzeitstudien der Dating-App "OkCupid" von 2014, die zeigt: Am attraktivsten wurden weiße Frauen von weißen Männern bewertet und asiatische Männer und schwarze Frauen erhielten die wenigsten Anfragen.

Anna Dushime

"Ich hatte eine sehr lange peinliche "Sex and the City"-Phase und wollte Carrie Bradshaw sein. Es stellte sich aber heraus, dass Carrie und ich sehr, sehr unterschiedliche Erfahrungen beim Dating machen. Also habe ich beschlossen, diese Erfahrungen zu teilen – die guten, absurden und schmerzhaften", sagt die Autorin Anna Dushime, die in ihrer Kolumne "Bei aller Liebe" über ihre Erfahrungen als Schwarze Frau schreibt.

Dating-Plattformen verstärken bestehende Muster

Auch Ciani-Sophia Hoeder, Gründerin von Rosamag, einem Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen, hat mit unterschiedlichen Frauen und Männern über ihre Präferenzen gesprochen: "Intra-Racial-Dating heißt es, wenn Weiße eher mit Weißen und Schwarze eher mit Schwarzen ausgehen. Es heißt Ähnlichkeit zieht sich an, aber wir haben auch Schönheitsideale und Vorstellungen im Kopf, die prägen, wen wir attraktiv finden. Und wenn ich schon vorab auswählen kann, welchen Hintergrund eine Person hat, behalte ich dadurch mein Muster."

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ciani-Sophia Hoeder, Gründerin des Online-Magazins Rosamag, empfiehlt, das eigene Dating-Verhalten zu hinterfragen.

Ciani von Rosamag
Ende des Audiobeitrags

Und diese Auswahl werde von Dating-Plattformen unterstützt, sagt Vice-Journalistin Thembi: "Wenn man mehr weiße Männer nach rechts wischt, werden einem auch mehr davon angezeigt und das verstärkt gegebenenfalls unsere innere Bias, unser Muster noch." Ein Grund, warum die Apps  "Grindr", "Scruff" und "Jack'd" kürzlich angekündigt haben, den Ethnien-Filter beim nächsten Update abzuschaffen. Der wurde von Betroffenen seit Jahren als rassistisch kritisiert.

Grenze zwischen Vorlieben und Rassismus

Bin ich rassistisch, nur weil ich nicht auf asiatische Männer oder Schwarze Frauen oder genau auf diesen Typ stehe? An sich sei nichts dagegen einzuwenden, dass jemand einen bevorzugten Typ oder Vorlieben habe, findet Nhi Le. "Aber es gibt eine Grenze, die beleidigend und schlicht rassistisch ist. Bei dieser Art von Exotisierung ist man nur Projektionsfläche. Man wird nicht mehr als Person wahrgenommen." Und wenn diese in einer emotionalen Situation wie der des Datings überschritten wird, ist es umso schmerzlicher.

Zitat
„Die Frage sollte nicht lauten, ob es rassistisch ist, dass jemand einen bestimmten Typ hat. Besser wäre, sich zu ehrlich fragen, warum ich einen bestimmten Typ nicht date?“ Zitat von Josephine Apraku, Mitgründerin des Instituts für diskriminierungsfreie Bildung
Zitat Ende

Als Mückenstiche beschreibt die Autorin Alice Hasters Mikroaggressionserfahrungen dieser Art. Im Einzelnen erträglich, aber gehäuft schwer auszuhalten. Ciani erklärt es so: "Auf der anderen Seite fühlen viele sich verletzt, wenn man das Thema anspricht. Denn wer das erstmal realisiert, dass es es Stereotype von Menschen gibt, die als besonders exotisch oder kriminell gelten und dass ich deshalb Menschen vielleicht als hot oder als No-Go empfinde, dann kann es passieren, dass man sich ertappt fühlt. Aber genau da fängt die Auseinandersetzung an."

Bewusste Auseinandesetzung mit eigenen Vorurteilen

Josephine Apraku vom Institut für diskriminierungsfreie Bildung

Für eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema bietet das Institut für diskriminierungsfreie Bildung in Berlin Workshops zum Thema Rassismuskritik in Liebesbeziehungen an. Dort wird geklärt, woher unsere unterbewussten Bilder über Menschen kommen und wie sie uns beispielsweise seit der Kolonialgeschichte beeinflussen. Damals waren enge Beziehungen von Weißen und Nichtweißen verboten und Schwarze Menschen wurden als minderwertig wahrgenommen. Ein Bild, das bis heute verbreitet ist. Zu dieser Vorgeschichte kommen das persönliche Umfeld, die Erfahrungen und Vorurteile jedes Einzelnen hinzu, die durch Unwissenheit verstärkt werden können.

Wer nur an Fairness und Gleichheit glaube und sich nicht eingestehen würde, dass es Ungerechtigkeiten wie Rassismus gibt, der wehre ab, sagt Josephine Apraku, Mitgründerin des Instituts. "Daher sollte die Frage auch nicht lauten, ob es rassistisch ist, dass jemand einen bestimmten Typ hat, sondern besser wäre, sich zu ehrlich fragen, warum ich einen bestimmten Typ nicht date?"

Sendung: Die YOU FM Morningshow, 26.06.2020, 06:30 Uhr

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