Heidi Benneckenstein
Heidi Benneckenstein stieg mit 19 Jahren aus der Neonazi-Szene aus. Bild © Imago

Sie war den größten Teil ihres Lebens Neonazi. Nicht, weil sie an die falschen Freunde geraten ist oder weil sie mit 14 Jahren orientierungslos war. Heidi Benneckenstein war Neonazi, weil ihre Eltern sie dazu erzogen haben. Was zur braunen Gehirnwäsche alles dazu gehörte, hat uns die Aussteigerin im Interview erzählt.

Was Heidi aus ihrer Vergangenheit berichtet, kann euren Glauben an politische Aufklärung und Vernunft sehr ins Wanken bringen. Denn die Gesellschaft, in der sie aufwuchs, ist wie eine Parallelwelt - mitten unter uns.

Drill, Disziplin, Schläge

Sie ist mit 19 Jahren aus der Neonazi Szene ausgestiegen. Was sie bis dahin erlebt hat, kann sich kaum einer vorstellen. Ihr Vater, ein bis heute überzeugter und in der Szene bekannter Neonazi, hat sie und ihre Schwestern "völkisch" (extrem nationalistisch) erzogen. Die Mutter duldete es schweigend. "Manchmal schlug er uns so heftig, dass er seinen Pullover ausziehen musste, weil er so schwitzte“, erzählt uns Heidi im Interview. Seit zehn Jahren hat sie inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihm.

Gehirnwäsche in Ferienlagern

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Mit ausländischen Kindern zu reden war tabu für sie – und die Rechtfertigung dafür wurde in geheimen Ferienlagern der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) eingetrichtert. An denen mussten die Kinder der Familie teilnehmen. Dort lernte Heidi unter anderen, was es heißt, wirklich „deutsch“ zu sein.

Heidi hat diese Camps gehasst, sagt sie: Um sechs Uhr morgens zur Fanfare aufstehen und dann zum Frühsport. Die Jungs gingen anschließend zum Schieß-Unterricht und die Mädchen zum Nähen und in Kräuterkunde. Rassenkunde gab es für alle.

Erzogen zur Elite der Neonazis

"Das Ziel der HDJ war ganz klar: Kinder zu Neonazis zu erziehen - bestenfalls zur Elite der Neonazis", erinnert sich Heidi. Dazu gehörten NS-Inhalte, die Aufarbeitung des dritten Reichs und völkisches Brauchtum. „Viele ehemalige HDJ-Mitglieder sind heute wirklich die führenden Köpfe der Neonazi-Szene. Für die Mädchen ist so eine Karriere nicht vorgesehen, aber von ihnen wird erwartet, dass sie perfekte deutsche Hausfrauen und Mütter werden.“ Die Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend“ ist 2009 vom Verfassungsschutz verboten worden.

Aber das braune Brainwashing hatte bei Heidi längst gewirkt: mit 15 Jahren ist sie bei rechten Aufmärschen mit marschiert und hat als 16-Jährige einen Pressefotografen krankenhausreif geschlagen, weil er bei der Beerdigung eines Alt-Nazis fotografierte. Sie hat die "Antifa" (Antifaschistische Aktionen) gehasst sowie Ausländer und Menschen jüdischen Glaubens.

Aber wer im Grundschulalter Deutschland in den Grenzen von 1937 mit der Laubsäge aussägen muss, dem kommt vermutlich auch das rechte Gedankengut plausibel vor.

Der Weg heraus

Ausgerechnet bei der NPD hat Heidi als Teenager ihren heutigen Mann kennengelernt: Felix war unter dem Namen Flex damals eine ziemliche Größe in der rechten Musikszene. Die beiden verliebten sich, kamen gemeinsam ins Grübeln und stiegen vor sechs Jahren schließlich zusammen aus der Szene aus. Exit, die Aussteiger-Organisation für die rechte Szene, half ihnen dabei. Heidi und Felix haben mittlerweile die Aussteigerhilfe Bayern gegründet und besuchen Schulen, um Jugendliche über die rechte Szene aufzuklären.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Heidi Benneckenstein: Die neu gewonne Freiheit

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Heidi verarbeitet ihre Vergangenheit in ihrem Buch „Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie“, das im Oktober erschienen ist. „Es ist wie der Ausstieg aus einer Sekte“, erzählt die 25-Jährige, die den Ausstieg als eine Befreiung empfindet. Einen Weg zurück gibt es für sie und ihren Mann nicht mehr.

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Sendung: Die YOU FM Morningshow, 24.10.2017, 5:30 Uhr

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