Familienalltag im Haus von Wencke und Metin
Familienalltag im Haus von Wencke und Metin Bild © Sandra Schildwächter

Stimmen haben für Wencke eine besondere Bedeutung. Als Blinde geben sie ihr Orientierung, unterhalten sie und geben Sicherheit. Wie sie damit im Alltag umgeht und was für ihre Familie besonders wichtig ist, erfahrt ihr hier.

Blind zu sein ist für Wencke kein großes Thema, sondern ganz einfach Alltag. Kein Hell und Dunkel, keine Schatten, keine Umrisse - Wencke sieht das alles nicht. Sie erblindet, da sie von ihrem Vater das Glaukom erbt, das auch als grüner Star bekannt ist. Auch Wenckes Mutter ist blind. Gemeinsam mit Metin, ihrem geburtsblinden Mann, lebt die 29-Jährige mit ihren drei sehenden Kindern in einem Reihenhaus in Marburg – ein ganz normales Leben.

Eine Stimme für mehr Selbstbewusstsein

Wencke ist früh selbstständig. Mit 13 Jahren entscheidet sie sich, in Marburg auf die Blista zu gehen. Das ist eine Bildungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen. Dort lebt sie in einer betreuten WG mit gleichaltrigen Schülern und fährt alle zwei Wochen sieben Stunden lang mit dem Zug nach Hause zu ihren Eltern in Chemnitz.

Zitat
„Vorher war ich nicht so selbstbewusst. Das kommt aber, wenn du vor so vielen sehenden Menschen sprichst und dann im Dunkeln über deine Stimme eine Verbindung zu ihnen aufbauen musst. Da ist Stimme alles: Beruhigend, ermutigend, Nähe schaffend.“ Zitat von Wencke Gemril
Zitat Ende

Nach dem Abi studiert sie an der Cornelia-Goethe-Akademie „Literarisches Schreiben“, später an der Marburger Philipps-Universität den Bachelor Germanistik und arbeitet während ihres Studiums in einem Dunkelkaufhaus, erzählt sie uns im YOU FM Interview.

Weitere Informationen

Die Fotografin Sandra Schildwächter hat ihre Abschlussarbeit über Wencke und ihre Familie gemacht. Dabei sind eine eindrückliche Multimedia-Reportage und Fotos entstanden, die ihr euch hier anschauen könnt:

Ende der weiteren Informationen
Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Blind zwischen lauter sehenden Kindern

Stillen, Wickeln und Füttern ohne zu sehen? Andere Eltern schaffen das ja auch, denken Wencke und ihr Mann und bekommen ihr erstes Kind. Das war vor elf Jahren. Da war Wencke 17 Jahre alt. Als ihre Kinder noch klein sind, binden sie ihnen auf dem Spielplatz und beim Spaziergang Glöckchen an die Schuhe, um sie zu hören.

Bildergalerie
Familienalltag im Haus von Wencke und Metin

Bildergalerie

zur Bildergalerie Perspektiven einer Blinden - "Ich sehe nicht, ich höre."

Ende der Bildergalerie

„Die Kinder sollen nicht unsere Augen ersetzen“, sagt die 29-Jährige. Braucht es auch nicht. Denn Wencke und ihr Mann haben ein exzellentes Gehör und Gefühl für das, was ihre Kinder tun und denken. „Ich höre schon am Hallo, wie mein Sohn drauf ist, wenn er aus der Schule kommt“, erzählt Wencke. Außerdem kennen ihre Kinder die Regeln: An der Hand gehen, wenn sie mit den Eltern das Haus verlassen. Antworten, wenn sie etwas gefragt werden. Auch wenn die Freunde der Kinder zu Besuch kommen, wissen diese: im Haus von Wencke wird gesprochen. Winken, nicken, mit dem Kopf schütteln – diese Gesten sind im Gespräch mit ihr wirkungslos.

Stimmen spielen eine permanente Rolle

Weitere Informationen

So helfen ihr Apps im Alltag

Vorlesefunktionen für Webseiten oder Sprachassistenten bei Einkaufsportalen – wie zum Beispiel Alexa von Amazon helfen im Alltag. Unterwegs nutzt Wencke die 'Voice Over'-Funktion auf ihrem iPhone, so kann sie Apps und deren Funktionen erkennen. Zum Beispiel eine, mit der sie im Kino parallel zum Film eine Stimme hört, die ihr den Film audiodeskriptiv beschreibt. So werden ihr Bilder beschrieben, dass Handlung, Aussehen der Menschen, ihre Körpersprache und Gesichtsausdrücke, Kleidung und Schauplätze nachvollziehbar werden. Alles knapp und klar formuliert auf die Pausen zwischen den Dialogen des Films angepasst.

Ende der weiteren Informationen

In Wenckes Handy gibt es auch eine Software zur Sprachsteuerung für E-Mails. „Außerdem bin ich süchtig nach Sprachnachrichten auf WhatsApp“, sagt die 29-Jährige. Sie spricht vom „auf der Line sein“, wenn sie vom Telefondienst „Lines“ erzählt, den sie als Jugendliche genutzt hat. Außerdem habe sie sich per Telefon und Tastatur in einen Sprach-Chatraum mit anderen Blinden unterhalten. "Auf der Line" hat sie sich auch zum ersten Mal mit ihrem Mann ausgetauscht. Später hat sie ihn im echten Leben in einem Internetcafé in Marburg kennengelernt und sich verliebt.

Blinde wollen nicht jeden anfassen

Wenn Wencke Menschen kennenlernt, dann spürt sie deren Ausstrahlung besonders über die jeweilige Stimme. Ruhig oder piepsig, gehetzt, entspannt oder aufgesetzt - Wencke kann das alles sehr schnell ablesen. Die Richtung, aus der die Stimme kommt, zeigt ihr dann auch die Größe der Person an. „Sie ist mein Erstkontakt mit einem Menschen, so wie es bei Sehenden das Aussehen ist. Dabei finde ich manche Stimmen mehr, andere weniger sympathisch.“

Wencke kann optisch denken und sich Menschen vorstellen, weil sie bis zum Alter von fünf Jahren noch sehen konnte. „Mein Gedanke ist aber nicht, wie jemand aussieht, wenn ich dessen Stimme höre. Ich könnte es ja auch nicht nachprüfen“, erzählt die 29-Jährige weiter.


Und wenn Leute sie fragen, ob sie sie mal anfassen möchte, weil sie gehört haben, das Blinde das so machen - dann winkt sie ab. Alles Klischee: „Wenn ich geführt werde, ist das natürlich etwas Anderes. Aber ansonsten genügt mir die Stimme. Anfassen brauche ich nicht einfach so.“

Weitere Informationen

Mehr zum Thema

Ende der weiteren Informationen

Sendung: Die YOU FM Morningshow, 16.08.2017, 06:05 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt

Webstreams

voting voting

Du bestimmst die YOU FM
Playlist und gewinnst
das neue iPhone X!

Zum Gewinnspiel
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit