(Bild: Colourbox.de)
17.02.2017

Das macht eine Sexualbegleiterin

"Ich bin Assistentin der Lust"

Sex ist die schönste Nebensache der Welt und für die meisten von euch ganz selbstverständlich. Für Menschen mit Behinderung aber nicht. In der Politik wurde deshalb schon darüber diskutiert, ob Menschen mit Behinderungen Sex auf Rezept bekommen sollen. Heißt: eine Sexassistentin hilft ihnen. Pia ist so eine Sexassistentin und erzählt uns im Interview aus ihrem Alltag.
 
 (Bild: Pia) Vergrößern
Facts zur Sexualbegleiterin Pia

Ausbildung: Das "Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter", das ISBB in Trebel, bietet eine Ausbildung zum Sexualbegleiter an. Dort hat Pia ihre Ausbildung gemacht.

Erfahrung: Pia ist seit 2005 als Sexualbegleiterin tätig.


Aufgabe: Sie lässt auf einfühlsame Art und Weise Männer, Frauen und Paaren die Sexualität in ihrem Leben lebendiger werden. Ihr Angebot richtet sich sowohl an Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, an Anfänger, als auch an Menschen mit altersbedingten Einschränkungen.
 

Pia, wie genau läuft so eine Sexualbegleitung ab?

"Mit mir können gehandicapte Menschen vielseitige Möglichkeiten im Reich der Sinnlichkeit, Berührung und Erotik entdecken. Aber es hat nicht jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten. Manche können keine Berührungen und Geborgenheit am ganzen Körper geben. Aber viele möchten das bekommen und ich kann es ihnen geben."
 

Also erforschst du mit deinen gehandicapten Kunden deren Körper?

"Ja, genau. Ich bin dabei gerne ihre Übungsfrau. Das heißt, sie können mit mir etwas ausprobieren, experimentieren und erforschen. Außerdem können sie herausfinden, was sie gerne mögen und mich Dinge fragen."

Wenn du davon sprichst, dass deine Kunden mit dir Dinge "erforschen", wie weit geht es dabei? Kommt es da auch zum Sex zwischen euch beiden oder werden "nur" Zärtlichkeiten ausgetauscht?
 
"Es kann auch zum Sex kommen. Wie weit das Ganze dann geht, muss man immer auf sich zukommen lassen. Ich bin erst einmal offen dafür. Jeder hat auch eine andere Vorstellung von der Begrifflichkeit von Sex. Gerade geistig Beeinträchtigte definieren Sex oft anders, als andere Menschen. Das liegt oftmals auch daran, dass diese Menschen bislang keine Gelegenheit hatten, ihre Sexualität auszuleben. Diese Menschen haben eine ganz andere Ausgangssituation. Da geht es primär erst einmal um erste Berührungen und wie diese sich anfühlen. Es geht darum, Angst, Scham, Scheu und Hemmungen zu überwinden."
 

Das heißt, einige deiner Kunden haben mit dir ihre ersten Male?

"Genau. Ich biete - anders wie in der klassischen Prostitution - keine Module an, die unterschiedliche Preise haben. Sondern bei mir ist jeder sexuelle Genuss gleich viel Wert und jede Begegnung ist für mich eine erotische, phantasievolle Geschichte. Diese schreibe ich mit meinen Kunden in den ersten ein bis zwei Stunden und baue darauf beim nächsten Mal wieder auf. Das ist wie eine erlebnispädagogische Arbeit, in die Sexualität miteinfließt."
 

Gibt es für dich No Gos bei der Arbeit mit gehandicapten Menschen?

Wenn etwas gibt, das mich stört oder Distanz schafft, dann spreche ich das an. Das ist zum Beispiel Ungepflegtheit. Ich rede dann darüber und dann haben meine Kunden die Möglichkeit, dies zu ändern."
 

Gibt dir diese Arbeit auch etwas? Zum Beispiel sexuelle Befriedigung? Oder ist es "nur" ein Job?

"Ich habe zwischen vier und sechs Termine im Monat. In diesem Umfang ist es ein sehr schöner Job. Es macht sehr viel Spaß und befriedigt mich auf mehreren Ebenen. Es macht mir Spaß, mich auf unterschiedliche Menschen einzulassen und diese Menschen wachsen zu sehen. Wenn ich sie regelmäßig sehe, sehe ich die Fortschritte, die sie machen. Das tut mir selbst auch sehr gut."
 

Begleitest du auch Paare?

"Ja. Ich habe lange Zeit ein Paar begleitet, wo beide eine Muskeldystrophie hatten. Sprich: Sie konnten gar nichts an ihrem Körper bewegen. Ich habe bei mir in der Praxis Vorrichtungen, mit denen ich sie so begleiten und bewegen konnte, dass die beiden miteinander ihre Sexualität leben konnten. In diesem Fall bin ich gar nicht involviert im Sinne davon, dass ich mitmache. Sondern ich bin die Assistentin ihrer Lust. Und das ist genau die Arbeit, die ich machen möchte. Es gibt nichts Berührenderes für mich."
 
Redaktion: nape / anzi
Bilder: © Colourbox.de (1), © Pia (1)
Letzte Aktualisierung: 22.02.2017, 10:43 Uhr
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