YOU FM


Studenten im Hörsaal (Bild:  colourbox.com)
18.11.2009

Was Aufputschmittel mit Euch machen

Der Selbstversuch von Daniel

Der Ex-Student Daniel hat es ausprobiert. Mehrere Wochen hat er auf Ritalin gelernt und so sogar seine Abschlussprüfung geschrieben. Wie es war, hat der 28-Jährige aufgeschrieben:
...Ich nahm Ritalin vor ein paar Wochen, nachdem ich einen Artikel in der Zeitung gelesen hatte. Dort stand, Ritalin sei die neue Modedroge unter Studenten – viele nähmen es, weil sie sich damit besser konzentrieren könnten...

Konzentrationsprobleme. Kenne ich. Ich studiere Philosophie, und wenn ich in der Bibliothek sitze und Fachliteratur lese, überkommt mich manchmal diese Müdigkeit. Ich sitze vor den Büchern, aber die Wörter ergeben keinen Sinn als würde ich sie vorlesen, mir selbst aber nicht zuhören...

Diese Konfusion hat mein Studium zu einem Kampf gegen mich selbst gemacht. Gewinnen kann ich ihn nicht. Manchmal liege ich eine halbe Stunde mit dem Kopf auf meinen Büchern, starre geradeaus und bewege mich nicht. Natürlich ließe sich das Versagen psychologisch begründen: Ich spüre den Druck, im Studium zu brillieren, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben – und es ist dieser Druck, der mich blockiert. Um zu brillieren, müsste ich den Druck loswerden. Ich brauche Stille in meinem Kopf. Ich muss dieses Hintergrundrauschen aus meinem Hirn drängen, wenigstens bis zu meinen Abschlussprüfungen in drei Wochen.
 

Nach einer Viertelstunde im Dämmerzustand

Wenn Ritalin mir dabei helfen kann, dann will ich es sofort haben. Nur für einen Selbstversuch. Natürlich. Ich besorge mir eine Packung über einen Freund, dessen Vater Arzt ist – eine orangefarbene Pappschachtel, mit eingestanzter Blindenschrift und den großen Buchstaben: RITALIN, 10 mg. Der Beipackzettel hat etwa die Größe einer DIN-A4-Seite. Das Wort "Tod" kommt häufiger vor...

Ich nehme also eine Pille, erst einmal zu Hause. Keine Viertelstunde, und meine Umgebung wird leicht heruntergefahren; ein Gefühl wie der Dämmerzustand frühmorgens, wie die konzentrierte Ruhe nach einem langen Kinobesuch. Die Dinge entwickeln eine seltsame Singularität: Ich sitze auf meinem Sofa und lese. Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher auf voller Lautstärke läuft – ich hatte ihn gar nicht gehört. Ich vergesse nicht, was um mich herum geschieht, es interessiert mich nur nicht mehr. Ich sehe die Dinge einzeln, eines nach dem anderen. Andere Drogen bewirken einen Rausch, Ritalin macht sehr nüchtern.
 

Ich bin ein Zombie, der lernt wie eine Maschine

Der nächste Tag in der Bibliothek ist ein großer Erfolg. Ritalin ist kein Wundermittel, es stärkt nicht meine Arbeitsmoral, aber zumindest lenkt mich nichts mehr ab. Ich schaue nicht aus dem Fenster. Läuft jemand in der Bibliothek an meinem Tisch vorbei, dann blicke ich nicht auf, sondern starre eisern auf die Buchseiten. Ich arbeite konzentriert drei, vier Stunden lang. Ich vergesse den Druck, den Gärtner, den Kaffee.

Mittags dann stehe ich in der Mensa und überlege, auf welches Menü ich Lust habe – und ich weiß es nicht. Ich wähle zufällig eines aus und stochere lustlos darin herum, das Ritalin hemmt meinen Appetit. Dann nehme ich wieder eine Pille und gehe zurück in die Bibliothek. Ja, ich bin ein Zombie, aber ein Zombie, der lernt wie eine Maschine.

Es gefällt mir. Nur meine Freunde beobachten mich jeden Tag misstrauischer. Manche von ihnen sind konservativ, sie besuchen Vorlesungen in Hemd und Jackett und betrachten Drogensüchtige in der Fußgängerzone wie Anomalien im Raum-Zeit-Gefüge. Sie sagen, ich sei so anders in letzter Zeit: lebhafter, aggressiver und etwas anstrengend. Das stimmt. Ich trete Geldautomaten, die mir zu langsam sind, und fluche über vergessliche Kellner im Café...
 

Die Kontrolle verlieren

Mein Körper ist an den Ritalin-Putsch gewöhnt und vermindert vorsorglich seine Leistungsfähigkeit….Ich fange an, die Ritalin-Tage zu mögen. So sehr, dass mir der Gedanke, dass dieser Selbstversuch einmal zu Ende sein wird, gar nicht gefällt. Ich mag das Euphoriegefühl, das Ritalin mir verschafft, und die Leistung, zu der ich dadurch imstande bin. Ich gefalle mir, wenn ich Ritalin genommen habe. Das Vertrackte an Medikamentensucht: Man verpasst den Zeitpunkt, an dem man die Kontrolle verliert. Meine Tabletten gehen zur Neige...

Am Tag meiner Klausur stehen Studenten vor dem Prüfungsgebäude und rauchen. Ich gehe hinein und setze mich… Vier Stunden lang schreibe ich, fast ohne aufzublicken, Seite um Seite. Einmal gehe ich auf die Toilette und bin selbst dort so fokussiert, dass ich beim Händeföhnen vergesse, dass ich eine Klausur schreibe.
 

Wer sagt Ritalin hilft nicht, der lügt

Es war meine letzte Tablette. Für die Klausur gab es eine 1,3. Nicht schlecht, aber in einer anderen – in der ich nicht gedopt war – gab es eine 1,0. Was bleibt also von diesem Selbstversuch, außer dem »Rebound«, der nicht nur die Leistungsfähigkeit senkt, sondern auch die Laune schlechter macht?

Ich weiß es nicht. Wer sagt, Ritalin helfe nicht, lügt. Es schlägt nicht bei jedem an, aber aus mir hat es den Studenten gemacht, der ich sein sollte: hellwach, fokussiert und diszipliniert. Und einen Menschen, der ich nicht sein will: zwanghaft und unentschlossen. Ich hatte keinen Hunger mehr und keinen Durst, ich wusste nicht mehr, welche CD ich hören und welche Hose ich anziehen wollte. Wenn die Wirkung nachließ, wurde ich unkonzentrierter als vorher, und statt mich zusammenzureißen, überlegte ich, wo ich wieder Ritalin herbekommen konnte. Außerdem ist es kein gutes Gefühl, jemand zu sein, der über einem Handföhn seine Abschlussklausur vergisst…. Ich habe meine Freunde gefragt, ob sie mich verstehen. Sie fragten zurück, ob ich noch welche von den Pillen übrig habe.

Kompletter Text erschienen in der ZEIT Campus
 
Redaktion: gesc
Bild: © colourbox.com
Letzte Aktualisierung: 23.11.2009, 17:18 Uhr